Wer sein Zwerchfell nicht gleich auf der ersten Seite überstrapazieren möchte, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen. Wer es nicht satirisch mag, bitte dringend umblättern.
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Meine Eltern starteten ihr Projekt "Erstes Kind" im Sommer 1958. Mein Vater überspielte meiner Mutter damals die - im wahrsten Sinne des Wortes - "Soft-ware" für mich. Sie fügte innerhalb der 9 monatigen Projektphase noch ein paar Updates hinzu, versah mich mit dem Arbeitsspeicher eines durchschnittlichen Mitteleuropäers und der Hardware, die entfernt an die Gestalt eines homo sa-piens erinnert. In den Abendstunden des 27.März 1959 downloadete ich mich in der Welt- und Kulturstadt Anklam und gab meine ersten Schreie von mir. Da-mals ahnte ich noch nicht, dass ich ein halbes Jahrhundert später als Bundesbür-ger noch genügend Grund zum Heulen haben würde. Auf die Frage, was ich vom real existierenden Kapitalismus hielte, artikulierte ich mich schon nach 5 Minuten Lebenszeit auf recht deutliche Weise, sodass meine (wieder verwend-bare!) Windel gewechselt werden musste...

Im Laufe des Jahres 1960 zogen meine Eltern nach Westfalen. Ohne mich zu fragen! Ich war geborener Ossi und tat meinen Unmut offensichtlich mit so viel Nachdruck kund, dass sie 1963 wieder in die Heimat zurückkehrten. In Greifs-wald sollte ich groß werden, blieb aber bei 1,70 stehen. Meine Kinderkrankhei-ten hießen noch Masern, Röteln und Mumps, keine Spur von Aufmerksamkeits-defizitsyndrom, Leserechtschreibschwäche und co.
Vater und Mutter standen in einem Frisiersalon. Und sie standen dort nicht nur einfach so rum sondern in einem Arbeitsverhältnis. Mit Schere, Rasierschaum und Lockenwicklern bewaffnet, sicherten das Familieneinkommen und den Weltfrieden. Sogar in der Spätschicht bis 22 Uhr!

Weil ich keine Lust hatte zwischen den abgeschnittenen Locken zu spielen, wurde ich tagsüber in einem Kindergarten zwangskollektiviert. Das Gruppenka-cken war seelische Folter unter der ich noch heute leide - ich kann nur, wenn wenigstens 20 Mann drumrumsitzen und mitmachen.

Und überhaupt! Was ich da alles über mich ergehen lassen musste. Lieder sin-gen, Gruppenspiele, Mittagsschlaf, gemeinsame Beschäftigung, während der ich lernen musste, mit der Schere schneiden... Die Kita, die ihren Zöglingen heute so etwas auferlegt, ist zur Insolvenz verurteilt. Mir und jener Generation hat?s jedoch nicht geschadet. Im Gegenteil: wenn ich heute nach Gruppenspielen vom Mittagsschlaf komme, singe ich fröhlich Lieder und beschäftige mich zum Bei-spiel mit der Schere - der Heckenschere.

Als ich 5 Jahre jung und in der "Großen Gruppe" war, beschloss ich, meine Er-zieherin "Tante Inge" zu heiraten. Wie sie mich ansah, ihr Lächeln, wie sie mich auf ihren Schoß nahm und streichelte, wenn ich mich unter Tränen abends von ihr verabschieden musste... All ihre Zuwendung verriet mir, dass sie meine un-erschütterliche Liebe teilte. Tante Inge jedoch betrog mich schamlos und heira-tete einen anderen. Ich war jung und bildhübsch oder noch hübscher, es gab so-gar schon ein Foto von mir, so hübsch war ich. Mit 5! Ihr Neuer aber war schon alt, ich schätze mindestens 19! Ich bestrafte sie für ihre Untreue und trennte mich von ihr. Sie hatte mein Weltbild über die Liebe aus den Fugen gebracht, nun sollte sie auch sehen, wie sie allein fertig wird! Meine Eltern unterstützten mein Ansinnen der Trennung und so ging ich schon wenig später in die Poly-technische Oberschule. Dort lernte ich das ABC und das Einmaleins, "eto Lam-pa" und Wurzeln ziehen (obwohl für mich schon damals feststand, dass ich zwar reich aber niemals Zahnarzt werden wollte!). Nikotin ist schädlich, lernte ich. Und Rauchen. Von Dioxin sprach damals noch niemand, heute bekommen wir es ungefragt im Frühstücksei frei Haus serviert. Naja, Frau Aigner hat ja sofort reagiert und einen 10 Punkteplan vorgelegt. Den hatte das 34. Plenum auch...

Während meiner Schulzeit machte ich eine erstaunliche Entdeckung. In meiner Lieblingsdiskothek, der "Kameltränke" lief gerade Carlos Santanas Hit "Samba pa ti". Meine Rechte war unterwegs, sich an den fraulichen Rundungen meiner Tanzpartnerin zu erfreuen (alles echt - Silikon war noch Zukunftsmusik). Die Sensoren meiner Fingerkuppen korrespondierten ganz plötzlich und für mich vollkommen überraschend mit den Schwellkörpern unterhalb der Gürtellinie. Bei allem, was ich in den bis dato 15 Lebensjahren in den Händen hatte, konnte ich eine solche Vernetzung nicht feststellen. Mein weiteres Leben war davon geprägt, ständig zu kontrollieren, ob dieser prächtige Automatismus noch funktioniert.

Obwohl ich von der Welt noch nichts gesehen hatte, beschied man mir mit beim Abschluss meiner Schulbildung eine gute Weltanschauung und einen festen Klassenstandpunkt. Den hatte ich tatsächlich: links vom Lehrertisch. An diesem Punkt stand ich immer, wenn ich die Hausaufgaben "vergessen" hatte. Und mit der Weltanschauung war?s auch nicht so weit her, für alles was mehr als drei Meter weg war, brauchte ich ne ziemlich starke Brille. Beim Einstellungstest durfte ich selbige zwar nicht tragen, sollte aber trotzdem Buchstaben von der Tafel an der Wand gegenüber ablesen. Ich frag: Welche Wand?, welche Tafel? Mein Traum, zur Handelsmarine zu gehen war damit mangels Durchblick geplatzt.

Nachdem ich alles wusste, was man zum Leben im Sozialismus braucht, aber nicht auf ein Schiff kam, um es anzuwenden, lernte ich Medizintechnik in der heruntergekommensten Werkstatt der Warschauer Vertragsstaaten. Da merkte man, dass ich einen bis dahin unentdeckten Geburtsfehler hatte: zwei linke Hän-de mit lauter Daumen dran! Und obendrein weitaus Schöneres im Kopf, als Schwalbenschwänze zu feilen. So entwickelte ich mich zum untalentiertesten Lehrling, den je ein sozialistischer Dienstleistungsbetrieb zu sehen bekam.

Unmittelbar nach Ausbildungsende rettete mich ins Brandenburgische. Schon in meiner frühesten Jugend spürte ich einen im Kleinhirn unwiderstehlich veran-kerten Hang zur Pädagogik und Medizin und so war ich in meiner Freizeit ent-weder in einem Studentenklub oder besuchte angehende Krankenschwestern im Internat der Medizinischen Fachschule und ließ mich von Ersteren weiterbilden oder von Letzteren pflegen, je nach dem. Letztlich entschied ich mich dann aber doch für Bildung, denn schlau sein finde ich besser als krank. 1977 folgte ich diesem Hang im Kleinhirn. Es zog mich zu einer wohlgeformten zudem frisch gebackenen Lehrerin von der Greifswalder Uni in die Kulturhauptstadt Friesack, bei Pessin im Rhinluch. Anfang Dezember 1979 bestach mich meine Pädagogin mit einem neuen Anzug und verführerischen Blicken, sodass ich ihr Ansinnen, mich zu ehelichen am 14.12. ohne körperlichen Widerstand geschehen ließ.
Da wir den Kampf um eine wenigstens halbwegs bewohnbare Behausung gegen Frau Wohnungsverwaltung in Friesack verloren, ergriffen wir 1981 die Flucht in den Westen. Den Westen des Bezirkes Potsdam. Das kleine Prignitz-Städtchen Putlitz nahm meine Pädagogin mit offenen Armen auf, denn sie konnte nach ih-rem Englisch-Studium ebendieses Fach unterrichten. Mich nahm man als not-wendiges Übel in Kauf. So geriet die Wohnung etwas größer und hatte sogar fließend Wasser, wovon wir in unserem Loch im Luch nur träumen konnten.

Weil ich zwar in Biologie gut, aber beim Ausprobieren in der Praxis nicht recht-zeitig aufgepasst hatte, hielt ich schon mit 20 meinen ersten Sohn im Arm. Drei Jahre später kam ich abends nachhause und plötzlich waren wir sogar zu viert. Wieder ein Sohn, stellte ich fest als seine Mutter ihn beim Namen nannte, mit dem er aber offensichtlich überhaupt nichts anfangen konnte und ihr was schiss.

In Ermangelung meines ernsthaften Willens, länger in den Reihen der NVA zu dienen, ließen mich die Truppen bis nach meinem 25. Geburtstag ideologisch reifen, ehe sie mich aus der Familie fort- und feierlich in die Reihen der bewaff-neten Organe einzogen. 18 Monate unterstand ich dem Minister für Nationale Verteidigung, welcher mir Kraft Befehls untersagte, während des Dienstes zu denken. Die schwerste Zeit meines Lebens folgte. Am 30.10.1986 gab ich den berühmten, traditionsgemäß im Offizierskasino geklauten Löffel am Kasernen-tor des "Kur- und Erholungsheimes Klosterfelde" ab. Ich schaltete mein Hirn wieder ein und brauchte ab sofort den Genossen Lichtschalter nicht mehr zu fra-gen, ob ich den Stromkreis zwecks Nachtruhe unterbrechen dürfe. Ich spürte so etwas wie einen Hauch von Freiheit. Es dauerte Monate, bis meine rechte Hand nicht mehr automatisch zum nun nicht mehr vorhanden Käppi hochschnellte wenn ich in der Stadt einen Bekannten traf.

Da ich nach diesen 18 Monaten geistiger und kulinarischer Armut in Uniform nicht mehr für die sozialistische Planwirtschaft tauglich war, integrierte man mich in den öffentlichen Dienst. Als Jugendklub- oder Kulturhausleiter, der ich gern geworden wäre, fehlte mir die Qualifikation. Ich freute mich schon auf die Studentenklubs in Meißen, wo ich ein Studium absolvieren wollte. "Vor dem Studium können wir Sie nicht in einem Jugendklub einsetzen" sprach Genosse Staatsmacht. Aber als Bürgermeister können Sie sofort beginnen!" Schau, dafür war ich tragbar. Ich hab dann schnell verstanden, warum: Mit Statistiken an den Schreibtisch gebunden, konnte ich keinen Schaden anrichten! Um dauerhaft und qualifiziert keinen Schaden anzurichten, nahm ich ein Studium "Staat und Recht" auf, vier Jahre lang lernte ich alles was man wissen musste... Als ich dann alles über diesen Staat und sein Recht wusste, gab es diesen Staat plötzlich nicht mehr.
Aber die Herausforderung, ständig keinen Schaden anzurichten, war mir auf Dauer dann auch zu groß. So seilte ich mich ab, und das war gut so, denn in Berlin fiel eine Mauer um. Die muss auch meinen alten Schreibtisch zum Nichtstun getroffen haben und schon gab es diesen nicht mehr.

Im neuen Sozialstaat mit freiheitlich demokratischer Grundordnung fand ich meinen Platz wenigstens beruflich im sozialen Sicherungssystem der AOK, wo ich bis Ende des vergangenen Jahrtausends meine nun luftgebackenen Brötchen verdiente. Da jedoch das Sicherungssystem außer Großaktionären, Hypo-Real, Landes- und Bad-Banks offenbar nichts mehr zu sichern und die Kasse nur noch zu kassieren aber immer weniger zu verteilen hatte, stellte die AOK 1999 viele ihrer Mitarbeiter dem freien Markt, also der Wirtschaft, zur Verfügung. Das tun alle Großunternehmen so, deshalb heißt es ja auch "Freie Marktwirtschaft". Laut Regierung war ich nun ein freier Bürger, dieses unseres Landes. Und tatsächlich brauchte ich den Lichtschalter nicht mehr zu betteln. Dafür bettelte ich vor dem Schalter beim Arbeitsamt. Die Hoheiten dort schrieben und schrieben, aber das, dachte ich, kann ich auch alleine. Also ging ich nicht mehr regelmäßig zum Ar-beitsamt sondern einmalig aufs Gewerbeamt und ließ mich dort einschreiben. Ich war noch gar nicht zuhause, da hatte ich schon freundliche Begrüßungs-schreiben vom Finanzamt und der IHK, der Unfallversicherung und dem Ren-tenversicherungsträger im Briefkasten. Wirkliche Freunde kann man sich aussu-chen.

Ich bin dumm genug, all dem Geschwätz der Marionetten nicht zu glauben. Ich bin zu blöd, zu verstehen, warum der Staat sich bei maroden Banken Geld bor-gen muss, um ihnen Kredite zu geben, damit er sich genau dieses Geld als teuer verzinstes Darlehen wiederholen kann, um damit notleidenden Banken kostenlos zu helfen. Mein Horizont reicht nicht dahin, zu begreifen, warum illegale Partei-spenden und Waffengeschäfte nicht wenigstens mit ebensolcher Intensität ver-folgt und bekämpft werden, wie der Ladendieb, der bei Lidl n halben Liter Braunen geklaut hat. Ich bin zu blöd, zu verstehen, warum etwa dreitausend Lobbyisten in Berlin mehr Gehör finden, als über 80 Millionen Menschen im Land. Aber eines hab ich kapiert: Alle Macht geht vom Volke aus. Und wenn?s die Ohnmacht ist...

Weil ich also zu nichts anderem nütze bin, schreibe ich Bücher, Reden und Ma-nuskripte aller Art. Dank des frühkindlichen Drills durch ideologisch verseuchte Stalinisten-Lehrer bin ich heute in der glücklichen Lage, das Geschriebene ohne Fremdhilfe lesen und begreifen zu können. Schön, dass damals noch so viel Wert auf Verstehendes Lesen gelegt wurde. Das kann ich. Und mit richtig viel Glück finde ich Leute, die das hören wollen, und dann bekomme ich - bei noch mehr Glück - sogar ein paar Euronen dafür. Mindestens. Wer hätte das am 27. März 1959 schon gedacht?

Aktuelles Buch: "Bananen, Banken und Banausen" - 40 heitere Geschichten über kleine Leute und große Schlitzohren. Darin findet sich auch eine Episode mit 741 Wörtern, die alle mit dem Buchstaben B beginnen. Hier stelle ich die Balz eines Beamten um seine Sekretärin dar, und das was daraus wird... Auslöser für diese ungewöhnliche Story war ein berühmt gewordener Sketsch von Heinz Ehrhardt, in dem 75 Wörter mit "G" beginnen. Meine B-Geschichte stellte ich am 6.6. innerhalb der SWR-Fernsehsendung "Sag die Wahrheit" vor und erhielt viele schöne Resonanzen aus allen Ecken der Bundesrepublik.
Und - trotz nun hochwertiger Gleitsichtbrille - schaute ich vollkommen verdutzt, als Hans Joachim Wolfram mit seinen Fernsehream von "Aussenseiter - Spitzenreiter" plötzlich bei mir vor der Tür stand und alles rund um diese Episode wissen wollte. "Weltrekord" stellte er abschließend fest. Sogar eine kanadische Zeitung hat das Liebesspiel von Bernhard und Beate komplett abgedruckt.

Schauspieler Peter Sodann (u.a. Tatortkommissar Ehrlicher) lud mich ein, an seinem Almanach 2011 mitzuarbeiten. Hierfür stellte ich ihm einen Text zur Verfügung, in dem alle (etwa 540) Wörter mit dem Buchstaben D beginnen. Im September erschienen die "Lügenbarone und Ganoven", Texte von 20 Satirikern aus ganz Deutschland. Abgesehen von meinem eigenen Schrumps ein sehr empfehlenswertes Buch.

Zurzeit widme ich mich dem Schreiben meines nächsten Buches. Während die Feuerwehr die angesagte lockere Bewölkung aus meinem Keller pumpt, kreisen meine Gedanken um kleine Leute und große Schlitzohren - die werden nie alle...

Ich wulffe jetzt mal, mache also Schluss und sag gar nichts mehr ohne meinen Anwalt.
Und wenn, dann nur das, was ohnehin schon bekannt ist...
Machts gut Freunde oder sogar noch besser.










aktuelles Buch

Bananen, Banken und Banausen

Humorvolle Geschichten über
kleine Leute und große Schlitzohren
Dieses Buch, habe ich während der SWR-Fernsehsendung "Sag die Wahrheit" vorgestellt. (u.a. befindet sich darin auch eine Geschichte, in der alle ca. 780 Wörter mit dem Buchstaben "B" beginnen.
Sag die Wahrheit